Interview mit Florian Küster, MakerSpace GmbH Garching

Florian Küster ist Sales und Marketing Manager des MakerSpace in Garching. In unserem Gespräch am 24. März 2020 ging es um Erfolgsgeschichten von Unternehmen, deren Gründer sich einst im MakerSpace kennengelernt haben. Wir sprachen über Projekte mit BMW oder Linde, über die Rolle von Frauen in Innovationsteams und über den Umgang mit der aktuellen Corona-Situation.

Florian, um was geht es beim MakerSpace? Welche Idee steckt dahinter? Was können die Gäste erwarten?

In den USA gab es vor 10 Jahren eine große Do It Yourself-Bewegung. Diese wurde von Neil Gershenfeld, einem renommierten MIT-Professor gestartet. Er war der Meinung, dass es zum einen sinnvoll wäre, wenn die Menschen fachlich-akademisch hoch ausgebildet wären. Zum anderen wäre es ein Vorteil, wenn sie auch selbst Produkte bauen könnte, um die fachlichen Kenntnisse direkt in der Praxis anzuwenden. So entstünden bessere Designs, es gäbe kürzere Iterationsschleifen, bessere Produktintegration, das Produktdesign würde sich verbessern. Daraus ist ein ganzes Movement entstanden. Die sogenannten FabLabs entwickelten sich und das StartUp TechShop wurde gegründet. Der TechShop ist im Prinzip das, was wir im MakerSpace machen: ein Maschinenpark mit einer Crew die dir hilft, deine Ideen wahr werden zu lassen.

Wie ist das Ganze nach Deutschland gekommen?

Als Hauptanteilseignerin der UnternehmerTUM und Aufsichtsrätin bei BMW kam Susanne Klatten zu dem Entschluss, dass es super wäre, ein FabLab in Deutschland an der Technischen Universität in München aufzubauen.  Eine Gruppe aus Enthusiasten und BMW-Mitarbeitern reiste nach Kalifornien, um sich das Konzept TechShop anzuschauen. Ziel war es, ein Franchise in München aufzubauen, das der TechShop betreut. Der TechShop ist allerdings insolvent gegangen.

Der TechShop ist im Prinzip das amerikanische Pendant zum MakerSpace?

Genau. Wir haben vor 5 Jahren die MakerSpace GmbH gegründet. Eine Vielzahl der Maschinen ist angelehnt an den TechShop und seine Ideen. Das Geschäftsmodell des MakerSpace ist jedoch weiter gewachsen. Die Mission war eine High-Tech-Werkstatt, die öffentlich frei zugänglich ist und den DIY-Gedanken in die Gesellschaft trägt.

Was macht ihr anders, um nicht wie der TechShop pleite zu gehen?

Wir machen eine ganze Reihe anders. TechShop hat sich auf ein membership-based Modell fokussiert, vergleichbar einer monatlichen Mitgliedschaft im Fitnessstudio. Wir haben das auch als eine Einnahmequelle. Denn Mitglieder bilden die Community. Und damit sich das Investment in den Maschinenpark und die operativen Kosten tragen, mussten wir uns weiterentwickeln.

Inwiefern habt ihr euch weiterentwickelt?

Wir haben zwei weitere Einnahmequellen. Zum einen arbeiten wir mit Firmen zusammen und machen mit ihnen sog. Prototyping Sprints, damit sie schnell von der Idee über das Konzept zu ihrem Hardware-Prototyp kommen. Da sind wir beratend tätig. Das zweite große Standbein ist die Umsetzung, also die Services, Auftragsentwicklung und Auftragsfertigung.

Wem steht der MakerSpace offen? Nur Firmenmitgliedern oder auch der Laufkundschaft?

Wir haben ca. 1.200 Studenten und ca. 800 Privatmitglieder. Privatmitglieder sind alle: von Azubis, die einen technischen Beruf lernen und parallel bei uns an den 3D-Druckern arbeiten, bis hin zu Studenten, die kein Stipendium bekommen haben, Angestellten oder Rentnern.

Wir arbeiten mit Stiftungen wie der Zeidler Stiftung oder der Hans-Sauer-Stiftung zusammen. Sie möchten mit einem jährlich 6-stelligen Rahmenbudget Studenten und Studentinnen aus MINT-Berufen fördern. Darüber bekommen die Studenten freien Zugang bei uns.

Das Angebot gilt nur für Studenten der MINT-Fächer?

Mittlerweile ist es breiter. Es war initial für MINT gedacht. Aber auch Betriebswirte haben gute Ideen und sind handwerklich begabt ist. Warum sollen wir sie nicht auch fördern?

Laufen aktuell spektakuläre Projekte?

Für die CES in Las Vegas im Januar hatten wir zusammen mit BMW ein Prototypenprojekt und haben einen Demonstrator gebaut, wie die Zukunft des Innenraums eines PKWs aussehen könnte. Die BMW-Entwickler haben sich an eine Hotellounge orientiert: großer Sessel und Holztisch mit einer Lampe mit passiven Licht und einem Screen. 20 Autos wurden in die USA exportiert und sind auf der CES gelaufen. Man konnte per App den Fahrdienst anfragen und zum Beispiel ein Kokoswasser bestellen. Das Auto kam an und hatte das Getränk dabei. So konnte man, batteriebetrieben logischerweise, in dem schönen Loungesessel ans Ziel fahren.

Habt ihr die 20 Autos gefertigt? Gibt es die Kapazitäten?

Wir haben die Designvorschläge von BMW technisch in das Fahrzeug integriert. Als zweites haben wir Kits gefertigt, also Bausätze wie zum Beispiel den Holztisch, einen Motor für die Fußleiste vom Sitz oder eine Halterung für den Screen, auf dem Amazon Fire TV lief. Das Auto an sich kam von BMW.

Dieses Projekt zeigt, dass die Herstellung von Produkten aller Arten bei uns möglich ist. Wir haben mit Textil gearbeitet und mit Plastiken. Wir haben ein Tiefziehgerät mit dem man Abdeckblenden herstellen kann. Wir haben eine Wasserstrahlschneidemaschine mit der von Metall über Beton bis zu Carrara-Marmor alle Teile ausgeschnitten werden können. Im Metallbereich gibt es Biege- und Rüttelmaschinen um Metall zu verformen. Wir haben eine große Holzwerkstatt für die Fertigung der Tische. Wir decken fast alle Gewerke unter einem Dach ab. Das ist, was den MakerSpace so besonders macht. Wenn BMW zu Fachbetrieben gehen müsste, dann ist das ein großer Koordinationsaufwand, der viel mehr Zeit und Geld bedarf, als es bei uns der Fall ist, weil alles aus einer Hand kommt.

Ist für die Zukunft ein großes Projekt geplant?

Das wahrscheinlich größte Projekt ist, in der Innenstadt einen neuen MakerSpace aufzumachen.

Wo genau? Erzähl gern mehr darüber.

An der Dachauer Straße in München, im Kreativquartier. Der Munich Urban Colab ist ein Innovationscampus mit großem Co-Working-Space, den die UnternehmerTUM gemeinsam mit der Stadt München baut.

Gab es Projekte, die gar nicht geklappt haben? Projekte mit Hindernisse oder die misslungen sind?

Ja klar. Jeder, der im Bereich Forschung oder Prototyping unterwegs ist, der würde lügen, wenn er sagen würde, bei ihm hat immer alles funktioniert. Ein Konzern versucht das Risiko zu diversifizieren und ein Portfolio von Innovationsprojekten aufzubauen. Am Ende des Tages werden nur eine Hand voll zur Marktreife getrieben. Die anderen werden stillgelegt oder in eine Schublade getan.

Aus Sicht des MakerSpace ist ein Erfolg auch schon, wenn wir es mit den Teams gemeinsam schaffen, Ideen in Konzepte zu konkretisieren, damit unter Einsatz der Maschinen ein Prototyp entsteht. Die Teams gehen nach dem Prototyping nicht mit nichts in der Hand auseinander.

Das macht Menschen mit Berührungsängsten Mut. Sie bekommen viel Unterstützung.

Genau, bei uns ist nicht der Chef da, der fragt ‚Wie weit bist du?‘. Wir arbeiten eher unterstützend und fragen ‚Was brauchst du, um den nächsten Schritt zu machen?‘. Wir wollen einen Ort schaffen, wo man frei denken kann und wo jede Idee wertvoll ist. Menschen zu sehen, wie sie wieder aufblühen, das ist echt cool.

Ich fand die Stimmung im MakerSpace sehr inspirierend. Gibt es Ansprechpartner oder Foren, wo man sein Projekt einbringen und diskutieren kann?

Privatmitglieder und Studenten können unsere Crew in der Fläche ansprechen. Oft geht es um Themen, wie ‚Der 3D-Drucker hat mein Design an den Kanten nicht richtig hergestellt. Woran liegt das?‘. Da hilft die Crew operativ und versucht mit dem Kunden eine Lösung zu finden.

Wenn eine Firma ein Projekt verfolgt, läuft es anders. Wir starten mit einem Prototyping Ideation Workshop. Die Teams werden zusammengestellt, die Idee wird besprochen und konkretisiert. Später folgt der Prototyping Sprint. Es kommen Experten aus der Produktentwicklung von uns dazu. Am Ende steht der Prototyp, der von unserer Services-Abteilung oder in Zusammenarbeit mit dem Kunden gebaut wird. Für Linde haben wir zum Beispiel einen Tischgasmischer von der Idee über das Konzept bis zur Nullserie betreut.

Dazwischen sind die StartUps. Sie sind ein zentrales Element in der Gründergeschichte. Diese Garage aus dem Silicon Valey, wo sich Steve und Steve treffen und zuerst Telefon und dann Rechner schrauben, diese Garage sind wir für Gründer. Es haben sich einige StartUps bei uns entwickelt, zum Beispiel Inveox. Eine der GründerInnen ist Maria Sievert. Sie wollen Verprobung automatisieren und beschleunigen.

Was genau wurde automatisiert?

Die Erpobung von Zellproben im Bereich Cancer Research. Dazu haben sie eine Software auf Basis Künstlicher Intelligenz und Maschine Learning Algorithmen entwickelt, die die Bilder aus der Zellprobe automatisiert auswertet. Das ist eine sehr coole Geschichte.

Was hat Inveox im MakerSpace entwickelt, die Maschinen oder die Software?

Die Entwicklung war zuerst hardware-lastig. Das Thema Software kam im zweiten Schritt dazu. Mittlerweile haben sie eine neue Founding-Runde mit 25 Millionen Euro abgeschlossen. Sie wachsen sehr stark.

Ein zweites Thema, was im wahrsten Sinne des Wortes greifbar ist, ist der Pro Glove. Auf dem Handschuh sitzt ein Scanner um Barcodes zu scannen. Normalerweise haben die Arbeiter Scanner in der Hand und müssen sie weglegen wenn sie ein Paket nehmen. Da sind über den Tag verteilt viele Ineffizienzen. Im Handschuh ist ein Scanner integriert und im Textil ein Knopf eingearbeitet, der den Scanner auslöst. Das erhöht die Flexibilität, spart Handgriffe und ist direkt mit dem ERP-System verbunden, das die Logistik steuert. Die Firma hat über 200 Mitarbeiter. Thomas und sein Kompagnon sind mit uns, als der MakerSpace entstanden ist, gestartet. Sie haben sich bei uns kennen gelernt.

Ich möchte nochmal auf die Teams im MakerSpace zurück kommen. Wie setzen sich die Teams zusammensetzen? Wie ist die Mitarbeiterstruktur aufgebaut?

Es gibt zum einen den Frontdesk-Bereich, der die Gäste empfängt. Dann gibt es den Werkstattbereich, das ist die Crew. Sie warten die Maschinen und beraten die Kunden. Dann haben wir den Services-Bereich, der die Kundenaufträge abfertigt. Außerdem gibt es Querschnittsfunktionen wie Sales, Marketing, Eventbetreuung, Education etc.

Die Crew besteht hauptsächlich aus Männern. Im Frontdesk und im Backoffice-Bereich haben wir auch Frauen im Team. Wir sind sehr bemüht, Frauen zu gewinnen. Diversität im Team ist einfach besser.

Konntest du einen Trend beobachten, ob bestimmte Techniken eher von Frauen benutzt werden oder eher von Männern? Auch in Bezug auf das Prototyping?

Bei den Kunden sind die Teams etwas homogener als in unserem Team. Das ist schade. Ich finde, die Ergebnisse sind oftmals andere, wenn Frauen mit am Tisch sitzen, weil die Perspektiven noch unterschiedlicher sind. Ich glaube, da geht etwas verloren, wenn man nur ein Geschlecht im Team hat, oder nur eine Altersgruppe oder eine Religion oder einen Kulturkreis. Je unterschiedlicher die Teams, desto interessanter werden die Ansätze.

Wo liegen die Unterschiede bei den genutzten Materialien und Techniken?

Ich würde sagen, Frauen arbeiten eher an den Lasercuttern, nutzen den 3D-Drucker und sind im Textilbereich unterwegs. Männer gehen an die schweren Metallgeräte, wie den Wasserstrahlschneider. Sie arbeiten mit der vertikalen CNC-Fräse oder nutzen die großen Kreissägen in der Holzwerkstatt. 

Die Idee ist, das aufzulockern. Es ist ein Auftrag des MakerSpaces, Männern wie Frauen einen Zugang zu schaffen, praktisch arbeiten zu können.

Es gibt einige weibliche Gründerinnen, die bei uns gestartet sind. Zum Beispiel die Erfolgsgeschichten von Inveox oder Air Up. Lena Jüngst hat das Unternehmen gegründet.

Auf der Homepage habe ich gelesen, dass Workshops in der BioKitchen angeboten werden. Was kann ich mir darunter vorstellen?

Die BioKitchen ist ein medizintechnisches Labor, das von Rüdiger Trojok und Dominik Böhler betrieben wird. Der MakerSpace bietet nur die Kurse der BioKitchen an. Die BioKitchen ist im Ökosystem der UnternehmerTUM, hat aber mit dem MakerSpace nichts direkt zu tun.

Eine Frage zum aktuellen Corona-Thema. Wie geht ihr damit um? Ist der MakerSpace derzeit geschlossen?

Mit der Ausgangssperre sind vermehrt Privatmitglieder gekommen. Für den Publikumsverkehr, Studenten und Privatmitglieder ist nun geschlossen. Für Firmen, die an einem laufenden Firmenprojekt arbeiten, ist der MakerSpace weiterhin geöffent. Die Möglichkeit, im MakerSpace einen Sicherheitsabstand zu gewährleisten, ist sehr gut gegeben. Der MakerSpace hat eine Fläche von 1.500 qm.

Aber auch für uns ist es eine schwierige Situation. Natürlich wurden Events, Workshops und teilweise auch Services gestoppt. Neukundenaquise ist schwierig. Es herrscht eine hohe Unsicherheit bei allen beteiligten Personen. So richtig weiß keiner, wie es weitergeht. Und das macht es schwierig, sich aufzustellen.

Wir haben uns Initiativen überlegt. Zum Beispiel wurde das Design einer Atemmaske aus dem 3D-Drucker open-sourced. Wir könnten Ventile für Beatmungsgeräte, die immer wieder ausgetauscht werden müssen, herstellen. Über ein Face Shild reden wir auch im Moment. Rüdiger Trojok und Dominik Böhler der BioKitchen haben gute Kontakte zu Krankenhäusern. Mit ihnen versuchen wir zu identifizieren, ob wir uns irgendwie einbrigen können. Wir können keine Atemgeräte herstellen, aber vielleicht ein Face Shield oder 3D Druck-Atemmasken.

Das sind wichtige Beiträge, die weiterhelfen können. Gerade Schutzausrüstung fehlt oftmals.

Leider ist eine Ambivalenz da. Auf der einen Seite haben wir die Maschinen und die Maschinenführer, wir bräuchten nur das Material. Das Design ist open-sourced. So könnten wir einfach mal 10.000 Masken herstellen. Das Krankenhaus hat aber bestimmte Anforderungen: Ist das Produkt unter sterilen Bedingungen hergestellt? Entspricht es der ISO-Norm? Das können wir nicht leisten. Dann heißt es ‚Bitte verschrotten‘. Es ist wichtig, jetzt keinen Schnellschuss zu starten und gleichzeitig wollen wir helfen – ein Zwiespalt, in dem wir gerade stecken. Hoffen wir mal, dass wir ihn in den nächsten Tage auflösen und das eine oder andere Produkt herstellen können.

Was ist deine Botschaft, die du interessierten Studenten mit auf den Weg geben möchtest?

Ich würde sie herzlich einladen, vorbeizukommen, sich das MakerSpace anzuschauen und an ihren Träumen zu basteln. Am besten mit Stipendium, dann kostet es nichts.

Vielen Dank für deine Zeit.

Bis bald im MakerSpace.

%d Bloggern gefällt das: